Warum schwitze ich so viel — und warum manchmal gar nicht?
Was dein Nervensystem mit Schwitzen zu tun hat, warum Psychopharmaka den Körper still verändern können — und warum du dir nichts dabei einbildest.
Vielleicht kennst du das Gefühl: Du sitzt in einer Situation, die dich innerlich aufwühlt und dein Körper reagiert, bevor du überhaupt einen klaren Gedanken fassen konntest. Durchgeschwitzt. Obwohl es gar nicht so heiß war.
Oder das Gegenteil: Ein brütend heißer Tag, du wartest darauf, dass dein Körper reagiert und er tut es einfach nicht. Keine Abkühlung, kein Schweiß, nur dieses leise Gefühl, dass irgendetwas anders ist als sonst.
Wenn du Medikamente für deine psychische Gesundheit nimmst, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie dabei eine Rolle spielen. Leider erklärt dir das keiner und genau hier ist dann das Problem. Du weißt nicht was los ist und kannst dann nicht rechtzeitig reagieren. Auch ich musste da erstmal drauf kommen was genau in meinem Körper passiert, weil mir das keiner gesagt hat und wahrscheinlich tappen viele von euch da auch im Dunkeln.
Das möchte ich ändern und aus gegeben Anlass ist dieser Beitrag entstanden.
Schwitzen ist nämlich nicht gleich Schwitzen
Dein Körper hat zwei völlig unterschiedliche Systeme – mit verschiedenen Auslösern, verschiedenen Nervenpfaden, verschiedenem Geruch. Das ist der Schlüssel zum Verständnis von allem, was danach kommt.
Wenn der Körper sich kühlt steigt deine Körpertemperatur, durch Hitze oder Bewegung, registriert das der Hypothalamus, eine kleine Region im Gehirn, die wie ein inneres Thermostat funktioniert. Er schickt Signale über das sympathische Nervensystem an die Schweißdrüsen auf deiner gesamten Körperoberfläche. Der Schweiß verdunstet, du kühlst dich ab.
Dieser Schweiß ist wässrig, riecht kaum und kommt aus den sogenannten ekkrinen Drüsen, sie sitzen praktisch überall auf der Haut.
Wenn die Psyche spricht – Stress, Angst, Scham, Aufregung das löst etwas ganz anderes aus. Hier ist die Amygdala am Werk, das Gefühlszentrum deines Gehirns. Sie schlägt Alarm. Das limbische System verarbeitet die Emotion. Das sympathische Nervensystem aktiviert sich, Adrenalin und Cortisol steigen.
Der Schweiß erscheint gezielt: Handflächen, Fußsohlen, Achseln, Stirn. Er kommt aus den apokrinen Drüsen, mit einem eiweißreichen Sekret, das stärker riecht. Dieser Mechanismus ist uralt, besserer Grip für Kampf oder Flucht. Er versucht, dich zu schützen. Auch wenn es sich nicht so anfühlt.
Und jetzt wird’s spannend. Beim Sport — beides gleichzeitig Körperliche Anstrengung ist für den Körper Stressor und Wärmequelle in einem. Muskeln geben einen großen Teil ihrer Energie als Wärme ab, der Hypothalamus reagiert. Gleichzeitig aktiviert die Anstrengung das sympathische Nervensystem. Am Anfang dominiert oft die emotionale Komponente, nach einigen Minuten übernimmt die Thermoregulation.
Was dein Medikament damit zu tun haben kann
Wenn du ein Medikament für deine Psyche nimmst und dein Schwitzverhalten sich verändert hat, du mehr schwitzt als früher, weniger, oder beides je nach Situation, dann ist das sehr wahrscheinlich kein Zufall.
„Ich schwitze bei der kleinsten Aufregung durch — aber im Hochsommer kaum. Was ist mit mir los?”
Nichts ist mit dir los. Es ist Physiologie.
Viele Psychopharmaka wirken auf Botenstoffe im Gehirn, die auch das autonome Nervensystem beeinflussen. Und genau dieses Nervensystem steuert, wann und wie du schwitzt. Je nachdem, welches Medikament du nimmst und wie dein Körper darauf reagiert, kann der thermoregulatorische Schweißpfad gedämpft werden oder stärker reagieren, während der emotionale Pfad gleichzeitig empfindlicher wird.
Das Ergebnis kann paradox wirken: Bei Hitze kaum Schweiß, bei einer aufgeregten Unterhaltung trotzdem durchnässt. Beides hat dieselbe Wurzel. Du bildest dir das nicht ein. Du nimmst deinen Körper wahr.
Da jeder Mensch anders auf Medikamente reagiert, lohnt es sich, bei solchen Veränderungen das Gespräch mit deiner Ärztin oder deinem Arzt zu suchen, nicht weil su übertreibst, sondern weil du ein Recht darauf hast zu verstehen, was in dir vorgeht.
Wenn Hitze, Darm und Nerven sich gegenseitig befeuern
Es bleibt oft nicht beim veränderten Schwitzen. Gerade an heißen Tagen kann sich daraus ein stiller Kreislauf entwickeln, besonders wenn dein Magen-Darm-Trakt ohnehin empfindlich ist.
Der Körper kann sich nicht effektiv kühlen. Er überhitzt subtil. Das löst eine Stressreaktion aus. Und die Stressreaktion trifft den Darm, denn der Darm ist über den Vagusnerv direkt mit dem Gehirn verbunden, die sogenannte Darm-Hirn-Achse. Flüssigkeit und Elektrolyte gehen verloren. Der Körper gerät weiter unter Druck. Und alles beginnt leise von vorn.
Und das ist kein „alles nur im Kopf”. Das ist Neurobiologie. Und es ist für mich tröstlich zu wissen, weil ich jetzt verstehe, warum sich ein heißer Tag manchmal so unverhältnismäßig schwer anfühlen kann.
Was du tun kannst — achtsam und sanft
Das Ziel ist nicht, deinen Körper zu kontrollieren. Es ist, ihn besser zu verstehen und liebevoll für ihn da zu sein.
Elektrolyte bewusst auffüllen. Nicht nur Wasser, auch Natrium, Kalium und Magnesium. Eine Prise Salz ins Wasser kann mehr bewirken als man denkt, besonders bei Hitze oder wenn der Darm aktiv war. (Auch wenns nicht unbedingt lecker ist, ein Schuh Zitrone ins Wasser hat mir da geholfen)
Hitze ernst nehmen. Wenn deine Thermoregulation verändert ist, bedeutet fehlender Schweiß nicht, dass alles gut ist. Auch wenn darauf manchmal verzichten möchte. Es bedeutet: aktiv kühlen. Kühle Räume, kühle Tücher, kühle Getränke, und auf dich hören, bevor der Körper laut werden muss. Leider hatte ich, als es zuletzt über 30 Grad hatte nicht auf meinen Körper gehört. Und wie sagt man so schön „Unwissenheit schütz vor Strafe nicht.“. Schleichend ging es mir immer schlechter, obwohl ich dachte genug zu trinken. Schwindel, Erschöpfung, schwere und schmerzende Beine waren die Folge. Mein Appetit war kaum noch da und wenn ich mir doch was rein gezwungen hab, hatte mich mein Körper sofort bestraft. Mein Reizdarmsyndrom, welches ich eine zeitlang Unterkontrolle hatte, war gleich wieder aktiv. Mir ging’s wirklich Hundeelend.
Nachdem ich allerdings dahinter kam was genau los ist, kann ich heute besser damit umgehen. Und wenn ich die ganze Zeit mit einer Sprühflasche voll Wasser umher lauf und mich ständig besprüh.
Atmen – bewusst und langsam. Langsames Ausatmen aktiviert den Vagusnerv und beruhigt das Nervensystem. 4 Sekunden einatmen, 6–8 Sekunden ausatmen. Klingt simpel. Ist es auch. Und es hilft.
Deine Körpertemperatur aktiv regulieren. Kühlakkus oder nasse Handtücher, am Besten an den Axel, Kniekehlen, Handgelenken, Hals, Leisten. An diesen Bereichen ist die Haut sehr dünn bzw. verlaufen z.B. am Hals die Hauptschlagadern. Kühlmatte oder kleine Wanne mit kaltem Wasser für die Füße. Direkte Sonne vermeiden und kühle Räume aufsuchen. Unnatürlich nicht vergessen ausreichend zu trinken.
Den Körper beobachten ohne zu bewerten. Wann schwitzt du? Wann nicht? Was war davor? Journaling kann helfen, Muster zu erkennen, für dich selbst und für dein medizinisches Team.
Sanft mit dir sein. Der Körper reagiert auf das, was er bekommt, Medikamente, Stress, Hitze, zu wenig Schlaf. Genau wie du tut er nur sein Bestes. Schenke dir selbst Mitgefühl!
Mit deiner Ärztin sprechen. Veränderte Schweißmuster sind klinisch relevant — besonders wenn du bei großer Hitze gar nicht mehr schwitzt. Das anzusprechen ist kein Jammern. Es ist Selbstfürsorge.
Du bist nicht allein damit!
Viele Menschen, die Medikamente für ihre psychische Gesundheit nehmen, bemerken körperliche Veränderungen und fragen sich leise, ob das normal ist. Ob sie sich das einbilden. Ob es okay ist, darüber zu sprechen.
Es ist normal. Du bildest es dir nicht ein. Und es ist mehr als okay, darüber zu reden.
Dein Körper lügt nicht. Er spricht eine Sprache, die es sich lohnt zu lernen, mit Geduld, mit Neugier und mit ein bisschen Mitgefühl für dich selbst.
Dieser Beitrag dient der Information, aus eigener Recherche sowie meiner eigenen Erfahrungen und ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Fragen zu deiner Medikation wende dich bitte an deine Ärztin oder deinen Arzt.